Straßen/Streunertiere

Eines der “heissen Eisen”, die ich anpacken möchte.

Nicht alle Hunde im Süden müssen und vor allen Dingen wollen gerettet werden. Ich differenziere da durchaus, es gibt kein “Schwarz oder Weiss”, kein grundsätzliches “Retten” oder “Nicht-Retten”.

Ich weiss, dass es unpopulär und wenig geschäftstüchtig für eine Tierkommunikatorin ist, nicht in das “Tierschutz-Horn” zu diesem Thema mit einzustoßen, aber es sind mir dafür zu viele Fälle begegnet, bei denen die importierten Tiere hier nicht glücklich sind und nicht zurechtkommen. Weitaus lieber ihr Leben mit Risiken, aber in Freiheit weiter gelebt hätten. Tiere haben keine Angst vor dem Tod (nicht zu verwechseln mit Überlebensinstinkt natürlich!), und vielen ist ein kurzes Leben in Freiheit lieber als uralt zu werden als Couch-Potatoe oder in der hiesigen Welt nicht zurechtkommen zu können und ständig Stress zu empfinden. WIE das Leben ist, das hat oberste Priorität für sie, nicht wie LANGE es dauert. Was natürlich nicht heisst, dass dieses Leben nicht geschützt wird, so gut es Menschen möglich ist.

Ebenso selbstverständlich sollte unterschieden werden zwischen Hilfsorganisationen, die denjenigen Tieren helfen, die es wirklich brauchen (kranke, verletzte z.B., und auch bei diesen ist es immer zu klären, ob ihnen nicht im Land geholfen werden kann, was weit öfter der Fall ist, als uns hier bekannt gemacht wird), und solchen sogenannten Tierschutz-Organisationen, die lediglich gesunde Streunertiere regelrecht einsammeln, um sie hier gewinnbringend zu verkaufen. Diese schwarzen Schafe unter den Tierschützern bringen die ehrlich arbeitenden Organisationen oder auch Privat-Initiativen in Verruf.

Wie gesagt, es gibt Ausnahmefälle unter diesen großartigen Streunertieren, jedoch die meisten, wenn sie als Straßentier geboren wurden, möchten  aus diesem Leben das Beste machen und nicht eine andere Existenz aufgezwungen bekommen.

Nein, sie sind nicht zwangsläufig “ewig dankbar”, wenn sie aus ihrer Welt zu uns gebracht werden.  Viele von ihnen sind anders, wirklich anders als Zivilisationshunde, deren Vorfahren seit vielen Generationen eng mit den Menschen zusammenleben, sie sind durch ihr Leben und das ihrer Ahnen genetisch geprägt. Alles in ihrem Zellgedächtnis ist auf “Überleben” programmiert und nicht auf “der Mensch sorgt für mich”. Es steckt in ihren Zellen, dieses “Ich kann auch ohne Menschen überleben, ich BRAUCHE die Menschen nicht”.

Die Erfahrungen meiner Lebensjahre in Griechenland haben mich darin bestärkt. So viele lustige, lebensfrohe, eigenständige und selbstbestimmt lebende Streunerhunde. Sie sagen oft “füttere mich bitte”, sehr selten “rette mich” – es wird oft missverstanden. Viele haben dort “ihre” Menschen, “ihre” Tavernen, wo sie gefüttert werden und auch durchaus Streicheleinheiten erhalten, falls sie es wünschen. Sie wissen aber, dass sie jederzeit wieder gehen können – und wiederkommen. Und sie wissen, dass sie nicht abhängig davon sind, weder vom Futter noch von den Streicheleinheiten.

DAS muss meines Erachtens ein sinnvoller und vor allem achtsamer Tierschutz bewirken und fördern – zum Teil zusammen mit Sterilisation  oder Kastration (wobei ich Ersterem den Vorzug gebe, Kastration bedingt manchmal andere Probleme im Rudelgefüge der Streunertiere) und nötiger medizinischer oder naturheilkundlicher Betreuung.

Die Berichterstattung seitens vieler Tierschutz-Organisationen ist oft sehr einseitig. Lediglich die Berichte über die böswilligen Menschen im Süden. Ich habe viele Griechen und Griechinnen kennengelernt, die ihre Tiere sehr lieben, alles für sie tun und sich um Straßentiere kümmern, durchaus auch mit ihnen zum Tierarzt gehen, einige behandeln Straßentiere gratis. Warum wird darüber nicht berichtet?

Wenn es bei uns streunende Hunde gäbe – nicht auszudenken, wie viele Menschen darauf reagieren würden, ganz sicher nicht besser, als es in anderen Ländern der Fall is!. Es gibt hier, genau vor unserer Haustür, genügend Notwendigkeiten, Tierschutz zu praktizieren, leider werden davor oft die Augen verschlossen, weil es mehr kosten würde als einen Mausklick oder eine Geldspende, ganz konkret tätig zu werden. Es könnte unangenehm werden oder Ärger verursachen. Daher verhalten wir uns höchst unfair, wenn wir Menschen anderer Nationalitäten be- und verurteilen.

Wir Menschen dürfen diese frei, halbwild geborenen Tiere nicht entmündigen (so sehr unterscheiden sie sich nicht von Wildtieren, und diese werden nicht eingefangen und “zwangsbeglückt” mit dem Argument, dass ihnen so nichts passieren kann), sie möchten ihre Selbstbestimmtheit behalten und eigene Entscheidungen treffen. Sie sind durchaus in der Lage, selbstverantwortlich zu handeln – dieser Aspekt des Tierschutzes wird meines Erachtens viel zu wenig berücksichtigt, und dieser Respekt, diese Achtung gebührt den Streunern. Ich habe Hochachtung vor ihnen. Sehr viele Menschen träumen von einem “Leben in Freiheit” – die damit verbundenen Risiken gehen sie nicht ein. Diese Tiere schon. Ihnen das bewusste Handeln abzusprechen und ihre Entscheidung für dieses Leben, wäre bevormundend. Diejenigen, die wirklich ein Leben mit Einschränkungen, aber den Vorteilen eines “Haushundes” führen wollen, signalisieren das sehr deutlich, es sind gar nicht sehr viele. Wie erwähnt, bitte nicht mit den Anfragen nach Futter verwechseln … Es ist zu sehr übergestülpte Vermenschlichung, wenn wir jedes frei streunende Tiere “bedauern” und glauben, dass es unbedingt ein Leben in einem Haus und mit all den damit verbundenen Einschränkungen vorzieht.

Natürlich weiss ich, dass es Streunertiere gibt, die sich für ein Leben als Haustier entscheiden, mit eingeschränkter Freiheit, dafür ein Dach über dem Kopf und gesichertes Futter. Das sind weit weniger, als die effektheischenden und teilweise erfundenen Geschichten in den unzähligen Rundmails glauben machen wollen. Die überwiegende Zahl dieser Tiere, und gewiss die menschenscheuen unter ihnen, würden sich dagegen entscheiden, WENN sie gefragt würden. Viele sind allein schon durch den Prozess des Einfangens mit folgendem Eingesperrtsein und Transport traumatisiert, von den massiven Belastungen für Körper und Seele durch Kastration, Impfung, Wurmkur, alles “in einem Aufwasch”, ganz zu schweigen. Diejenigen der Streunertiere, die regelrecht Angst vor den Menschen haben, nie zu ihnen gingen, um sie anzubetteln, trifft dies sicher am meisten. Sie sind oft schwer gestört, wenn sie in unserer Zivilisation ankommen und das bleibt meistens so für den Rest ihres Lebens. Sie können in ihrer Welt, aus der sie wirklich höchst unsensibel herausgerissen wurden, sicher stressfreier existieren. Und doch erwarten viele Menschen, die gewiss nur das Beste für sie wollen, dass Liebe und Zuwendung all das ausgleicht – die Realität sieht oft anders aus. Manche erwarten gar Dankbarkeit – wofür??

Selbst die nicht menschenscheuen dieser Tiere bleiben frei geborene Streuner, und die meisten werden nicht “aus Dankbarkeit” das Herumstreunen und Jagen aufgeben.

Ich will und kann nicht grundsätzlich negieren, dass Dinge geschehen mit Tieren, die nun wirklich nicht gutzuheissen sind. Es ist kaum überprüfbar, welche dramatischen Rundmails der Wahrheit entsprechen und welche nicht, daher ist nach meiner Überzeugung ein Tätigwerden in Einzelfällen, die uns oft genug begegnen und die nachzuweisen sind, am sinnvollsten.

Es ist dieses Gefühl des “Gebrauchtwerdens”, das gutmeinende Menschen manchmal über das Ziel hinausschießen lässt. Von den unseriösen Organisationen, deren Zielsetzung dem Profit gilt, ganz zu schweigen. Unter diesen leiden die differenziert denkenden und handelnden Tierschützer.

Eine kleine Straßenhündin, die bei  mir lebte (die freiheitsliebendste von allen, sie wollte nicht mal im Winter nachts ins Haus, hatte sich lieber draußen ein trockenes Plätzchen gesucht), wurde von “Tierschützern” einfach “einkassiert”. Sie war klein, jung, gesund – also schnell vermittelbar. Sie verschwand unauffindbar, als Tierschutz-Autos in der Umgebung gesehen wurden – obwohl sie ein Halsband trug, ein allgemein anerkanntes Zeichen dafür, dass sie einen Platz hat, an dem sich um sie gekümmert wird. Als “Zivilisationshund” ist sie mit Sicherheit nicht glücklich. So sind meine selbst erlebten Erfahrungen, und kaum jemand berichtete bisher von solchen Erlebnissen.

Günther Bloch hat dieses Thema sehr differenziert und meines Erachtens sehr vernünftig aufgegriffen in seiner Studie über ein halbwild lebendes Rudel in der Toskana und im Buch “Die Pizza-Hunde”. In der entsprechenden DVD kann man sehen, wie sich Hunde verhalten, bei denen der Mensch kaum eingreift – höchst spannend, interessant und berührend.

Wir haben die Pflicht, unsere domestizierten Tiere, zu denen ich die halbwilden Straßentiere nicht zähle, durch unsere Zivilisation zu führen, natürlich – sie führen uns zu uns selbst. Manche dieser Straßentiere brauchen unsere Fürsorge, die meisten jedoch nicht unsere Wohnungen in Mitteleuropa.

 

 

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13 Antworten auf Straßen/Streunertiere

  1. Nina sagt:

    Danke Karina für diese Worte!

    Selber lebend in Griechenland und selber einen Strassenhund habend.

    Meine Strassenhündin wollte ein zu Hause, aber sie mag auch ihre Freiheit und ich versuche es ihr so gut es geht zu geben. So lebt sie in ihrem alten Rudel, wenn ich reise oder in Urlaub bin und manchmal auch wenn sie es wünscht. Weil sie einfach nicht mit mir nach Hause kommt. Sie ist dankbar für ihr Dach über dem Kopf, doch manchmals ruft ihr Strassenhundherz.

    Ich kenne richtige Rudel, in der Ortschaft wo ich lebe. Sehr glückliche Stassenhunde, die nahe der Abfallhalden leben (Recycling ;-) ) und die Wasser und Futter von einigen Bewohnern in der Nähe bekommen. Einer dieser Hunde hat auf meinem Balkon geschlafen wenn es regnete im Winter, ich habe ihm eine Hundehütte gekauft, Futter und Wasser hingestellt. Er war dankbar, aber er wollte seine Freiheit. Kaum wurde es wärmer ist er wieder weggezogen. Er machte auch keinen einzigen Versuch in mein Haus zu kommen.

    Mit den Katzen, dasselbe in grün.

    Mein Anliegen: Bitte schaut genau hin ob dieses Tier wirklich in den kalten Norden gehen möchte, in eine geschlossene Wohnung womöglich. In ihrer Seele bleiben sie immer Strassenkinder vom Süden!

    Nina

  2. Alitis sagt:

    Wie der Name schon sagt. Es sind Strassen- und Streunertiere. Und das sollen Sie auch bleiben!
    Mich stört die ganz offensichtlich überzogene Vermittlungsgebühr, die bei der Abgabe gefordert wird. Und diese Streuner und Strassentiere–damit sind doch nur Hunde und Katzen gemeint. Aber lieber Tierschutz, ich muss euch sagen, dass in Griechenland z.B. kleine süsse Vögelchen und Hasen gejagt werden. Ist es nicht an der Zeit, auch die in einzufangen und in “sichere” Länder zu exportieren?

    • Angelika sagt:

      Alitis, Du weißt, dass ich selbst Tiere aus dem spanischen Tierschutz habe und nicht grundsätzlich gegen die Vermittlung solcher Tiere bin. Ich gebe Karina absolut recht: Wichtig ist ein achtsamer Umgang mit dem Thema. Auch meine Einstellung dazu ist im Laufe der Zeit kritischer geworden. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass die organisationen, mit denen ich bisher Kontakt hatte, keine überzogenen Vermittlungsgebühren nehmen, gemessen an der Tatsache, dass die Tiere – egal ob im In- oder Ausland – oft lange im Tierheim sitzen, dort essen und auch medizinisch versorgt werden. Die 100,00 € – 150,00 € für eine Katze und 200,00 – 350,00 € für einen Hund hat das jeweilige Tier meist ganz, ganz locker verbraucht, bis es vermittelt wird. Und diese Vermittlungsgebühren kommen ja auch denen zugute, die zunächst eine intensivere medizinische Betreuung brauchen als andere. Wenn ein Tier verletzt oder krank ist, ist ein Tausender an Tierarztkosten mal ebenso gar nichts. Das wirst Du ja auch aus eigener Erfahrung wissen. bei den Tierschutzvereinen, die ich kenne – sowohl im In- als auch im Ausland – decken die Vermittlungsgebühren bei weitem nicht die tatsächlichen Kosten. Nur mal so als Denkanstoß. Ist, wie immer, nicht böse gemeint und soll auch niemanden angreifen. ;-)

  3. karina sagt:

    Da beschreibst du, Alitis, (wenn auch auf recht ironische Weise) das, was ich als die “unseriösen Tierschutzorganisationen” bezeichne. Die eine weit größere Summe für die vermittelten Tiere (deren Wunsch es in den meisten Fällen nicht mal ist) verlangen als tatsächlich an Kosten angefallen ist. Das sind oft die, die nicht verletzte oder kranke Tiere versorgen möchten, sondern junge, gesunde, hübsche und oft kleine oder kleinere und somit leicht und schnell zu verkaufende Hunde einfach einsammeln – genau das habe ich erlebt in meiner Zeit in Griechenland. Es kann natürlich eine haarsträubende Geschichte konstruiert werden, in welch schlechtem Zustand der Hund gefunden wurde und wieviel Kosten er verursacht hat. Diese Hunde verstehen oft im wahrsten Sinne des Wortes die Welt nicht mehr. Manche arrangieren sich mit dem Leben als “Zivilisationshund”, viele nicht.

    Wieviele von euch kennen so wie ich Menschen, die mit den allerbesten Absichten viel getan und viel gegeben haben für Tierschutz-Organisationen, bis sie merkten, dass die Intention dahinter alles andere als ehrlich war. Sie sind dann natürlich für immer abgeschreckt und Tierschutz ist für sie grundsätzlich negativ besetzt – und die wahren Tierschützer geraten mit in diese Schublade, die, die selbst ihr letztes Geld hergeben für diese Tiere – und doch finde ich, dass das Versorgen der Tiere im Heimatland tatkräftig und auch finanziell unterstützt werden sollte und nicht das “Deportieren” außer in einigen Ausnahmefällen. Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf folgende Organisation von Kursteilnehmerinnen mir: http://www.starke-handicap-pfoten.de. Sie entwickelten ein Physiotherapie-Konzept für alte und körperbehinderte Hunde, einige von ihnen Importhunde. Die von ihnen konzipierten “Paralympixx für Hunde” sind eine gute Sache, die Hunde haben einen Heidenspaß dabei und viele ihrer Menschen lernen von ihnen, dass sie kein Mitleid aufgrund ihrer Behinderungen brauchen, sondern das Leben anpacken und Spaß haben möchten.

    Und – bedenken sollten wir auch, dass die Streunertiere oft weit mehr die mitteleuropäischen Touristen stören als die Einheimischen, diese kennen es nicht anders. Aber genau wegen den Touristen werden sie oft bekämpft. Deswegen ist es sinnvoll, dass die Touristen, die die liebenswerten Streunertiere mögen, sich äußern, an die Hotelrezeptionen gehen und sagen “toll, diese Hunde und Katzen hier” – damit nicht nur immer diejenigen gehört werden, die sich über sie beschweren.

    Und nicht zuletzt halten die Streunerhunde und -katzen die Anzahl der Mäuse, Ratten und anderer netter Kleinsttiere auch in den Touristenanlagen im Gleichgewicht.

  4. Doro sagt:

    Wie erkennt man seriöse und unseriöse Tierschutzorganisationen auseinander? Es sollte doch so genau wie möglich beschrieben werden, weil doch sonst die Gefahr besteht dass Menschen aus Verunsicherung heraus aufhören für den Tierschutz zu spenden – oder nur große und bekannte was abbekommen oder aber Einrichtungen in der direkten Nachbarschaft. Es ist wichtig finde ich zu warnen, aber gleichzeitig braucht es Unterscheidungshilfen!

    • karina sagt:

      Eine allgemeingültige Unterscheidungshilfe kann ich nicht anbieten. Das muss jeder Mensch für sich persönlich entscheiden, bei welcher Organisation er/sie die Argumentation und Handlungsweise nachvollziehen kann.

      Es gibt tausende von Tierschutzorganisationen. Ich kann nur sagen, wie ich persönlich es sehe. Nur ein Beispiel: Wenn zuviel Mitleid auf die Tiere projiziert wird, pralle ich zurück. Es lähmt für die nötigen Handlungen, sich über die “armen Tiere” und die “bösen Menschen” auszulassen und bringt nicht im geringsten vorwärts, vor allem ist es absolut nicht im Sinne der Tiere.
      Eine der Tellington-Touch-Ausbilderinnen, Debby Potts, sagte mal anlässlich eines Arbeitsbesuches der Ausbildungsgruppe in einem Tierheim sehr zutreffend “Mitleid macht sie nur klein und ehrt nicht ihren Lebensweg”. Dieser Satz hat sich mir tief eingeprägt.

      Ich möchte nicht einen Tierschutz fördern, der den Tieren keine Eigenständigkeit zugesteht, und ihnen die Fähigkeit abspricht und den Wunsch, eigene Entscheidungen treffen zu können und zu dürfen (wie eben z.B. genau hinschauen, ob ein Tier “zivilisiert” werden oder weiterhin halbwild leben möchte).

      Tierschützer, die ihre Arbeit als Angebot! an die Tiere sehen und ein “Nein, danke” respektieren, sich nicht als überverantwortlich empfinden, finde ich ausgesprochen unterstützenswert. Den Tieren jegliche Eigenverantwortung abzusprechen, empfinde ich als entmündigend. Sie sind NICHT unsere Kinder (jedenfalls spätestens dann nicht mehr, wenn sie erwachsen sind!), sondern Lebewesen, die entweder als gleichberechtigte Partner mit uns leben möchten oder in einigem Abstand und so unabhängig, wie sie möchten – auch wenn es Gefahren birgt.

      Natürlich gibt es Entscheidungen, die wir einfach für unsere Tiere treffen müssen, wie das viel zitierte Beispiel “hier ist eine Straße, du kannst die Gefahren nicht richtig einschätzen, hier entscheide ich”. Völlig ok. Es gibt genügend andere Situationen, in denen wir unseren Tieren Entscheidungen überlassen können, sogar besser tun sollten, ohne dass deswegen unsere Autorität untergraben wird. Ein gesundes Gleichgewicht, wie es in einer Partnerschaft sein sollte, finde ich erstrebenswert.

      Es ist schlicht eine Sache der Situationslogik. Die Forschungen bezüglich der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Fähigkeiten der Tiere zum logischen Denken und zu emotional gesteuerten statt rein instinktiven Handlungen stecken noch in den Kinderschuhen (Marc Bekoff, Professor für Verhaltensbiologie in USA möchte ich hier erwähnen, er ist anerkannter Wissenschaftler und schaut weit über den Tellerrand der meisten bisherigen Verhaltensforscher hinaus, seine Bücher sind ausgesprochen aufschlussreich!), da den Tieren diese Befähigungen bis vor kurzer Zeit völlig abgesprochen wurden.

      Der Alltag mit Tieren mit seinen millionenfachen Fallgeschichten sagt genug aus.

    • Angelika sagt:

      Das ist auch aus meiner Sicht sicher ein Problem: Wie unterscheide ich seriöse von unseriösen Organisationen. Und was ist denn unseriös? Das ist ja auch nochmal Definitionssache.
      Ich arbeite ja ehrenamtlich im Tierschutzbereich und mache oft Vorkontrollen auch für Vereine, von denen ich zunächst einmal nicht weiß, wie seriös diese sind. Bisher habe ich mich auch immer nur auf mein Gefühl, meine Erfahrungen mit verschiedenen Vereinen und die Empfehlungen anderer verlassen können. Wirklich objektive Kriterien gibt es da wohl nicht wirklich.

      • karina sagt:

        Wie ich oben bereits schrieb – eine klare Regel, nach der man ehrlichen Tierschutz von Geschäftemachern unterscheiden kann, kann ich auch nicht anbieten. Am besten wäre es natürlich, sich im jeweiligen Land direkt ein Bild zu machen, aber das kann nun mal nicht jeder Mensch tun.

        Genau deswegen bin ich eine Verfechterin des Tierschutzes in Einzelfällen, bei denen die Umstände und die Beweggründe persönlich überprüft werden können.

  5. Nathalie sagt:

    Liebe Karina,

    Deine kritischen Äusserungen über das Einfangen und Vermitteln von streunenden Hunden/Katzen kann ich nachvollziehen, stimme ihnen durchaus auch zu.

    Andererseits stimme ich nicht mit Dir überein, dass der grösste Teil dieser Tiere nicht vermittelt werden möchte – wir müssen bei dieser Betrachtung ganz sicher unterscheiden, wo, wie und welche Tiere von der Strasse geholt werden. Ich denke, in der Mitte (wie so oft) liegt die Wahrheit.

    Dank der Ausbildung bei Dir vor vielen Jahren bin ich in der Lage nicht nur mit meinen eignenen Tieren zu kommunizieren. Ich bekomme öfter Anfragen verschwundene Tiere betreffend (Du erinnerst Dich sicher an unser letztes Telefonat). Eines dieser Tiere ist eine seit einem Jahr verschwundene Podenco-Hündin, die von allen aufgegeben wurde (ausser von der Besitzerin). Diese Hündin, so zart und unangepasst sie für unser Klima ist, hat es geschafft, wild zu überleben und ja, ihr ist ihre Freiheit mehr wert als alles (sie ist ein Beispiel für das, was Du meinst: sie wurde von der Strasse weggefangen).

    Wir haben so viele Gespräche gehabt, in denen sie ihr Hadern mit einem “nach Hause” kehren zum Ausdruck brachte und auch, dass sie sich eben nicht vorstellen konnte, eingesperrt zu sein. Das gibt es, und möglicherweise wesentlich öfter, als wir denken mögen.
    Bei Katzen sehe ich diese Problematik in noch fast ausgeprägterem Masse, da sie sich weniger an den Menschen binden und es für sie furchtbar sein muss, wenn sie als Wohnungskatzen (zum Schutz) vermittelt werden.

    Ich denke aber auch, dass wir die andere Seite nicht vergessen sollten, bei allem Respekt dem gegenüber, was Du sagst. Differenzieren würde ich tatsächlich, ob ein Tier, das gesund und frei lebt, von der Strasse weggefangen und in “menschliche Obhut” und -für das Tier selbst – in Gefangenschaft gebracht wird oder ob es beispielsweise verletzt, halbtot aufgefunden wurde oder aus einer Tötungsstation gerettet wurde.

    Wer einmal Bilder aus solchen Stationen gesehen hat, dem brennen sich diese Bilder ein. Oder die tausende Galgos, die jedes Jahr nach der Jagdsaison entsorgt werden – auf die eine oder andere Art. Oder in der Türkei – gibt es einen Ort, an dem Strassenhunde, nun sagen wir, vegetieren. Sie sind dem Tode geweiht, frei, dennoch gefangen in einem grossen Areal. Kein Wasser, kein Futter, ein Gelände voller Leichen, in dem schon Welpen dem Tode geweiht sind.

    Bitte, versteh es nicht falsch – ich möchte weder alle Schrecklichkeiten, deren der Mensch den Tieren gegenüber fähig ist heraufbeschwören, noch Deine Worte negieren, nur ein wenig relativieren.

    Ich stimme Dir zu, dass es eine falsch verstandene Tierhilfe ist, wenn wir uns anmassen, gesunde und frei lebende Tiere von der Strasse wegzufangen und sie in ein Dasein zu zwingen, von dem der Mensch glaubt, es sei gut für das Tier. Denn meist, besonders bei Hunden, werden diese Tiere aus ihrem sozialen Gefüge, dem Rudel herausgerissen und der Mensch bietet vergleichsweise geringen Ersatz für das verlorene Rudel.

    Aber ich wollte gleichzeitig aufzeigen, dass diese Art von Tierhilfe dennoch – am richtigen – Ort auch ihre Berechtigung hat.
    Wir sollten immer mit einem kritischen und differenzierten Blick die Dinge betrachten, und wie überall und immer gibt es eben nicht nur eine einzige Wahrheit, sondern mehrere. Und keine ist wahrer als die andere.

    Liebe Grüsse, Nathalie

  6. karina sagt:

    Natürlich sind diese Aspekte maßgeblich, liebe Nathalie! Verletzten oder kranken Tieren helfen – das ist wohl keine Frage. Ich tat es einige Male, und natürlich Einheimische ebenso. Der Amtstierarzt in Korinth behandelt kranke Streunertiere gratis – ich fragte mich immer, warum über solche Tatsachen bezüglich Behandlung von Straßentieren im Süden bei uns nicht berichtet wird, ich habe nie etwas über solche Maßnahmen, die durchaus verbreitet sind, gelesen. Kastrationen führt er ebenso kostenlos durch. Nicht jeder verletzte Straßenhund kann nur in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum “gerettet” werden – auch dort können sie gesund gepflegt und wieder in ihr Rudel entlassen werden.

    Tötungsstationen – unsäglich, und das Ziel sollte nicht nur sein, möglichst viele Tiere dort heraus zu holen, sondern diese Einrichtungen überflüssig zu machen. Damit dies in einer wenn auch ferneren Zukunft geschehen kann, ist viel Engagement, viel Geld und Unterstützung nötig, und vor allem ist es zuerst einmal notwendig, hierzulande das Bewusstsein dafür zu wecken, dass es auch dort in den Ländern Einheimische gibt, die ihre Tiere lieben, Straßentiere aufnehmen und versorgen. Warum nicht verstärkt dort in den Ländern unterstützen, statt viele dieser Tiere importieren, was oft mit sehr viel Stress für sie verbunden ist, es kann nicht bestritten werden, dass eine große Anzahl dieser Tiere traumatisiert hier ankommt. Der Grund dafür, dass Tiere eher importiert werden statt ihre Versorgung vor Ort zu unterstützen, könnte sein, dass nur ein Tier, das in einem deutschen Tierheim sitzt, Geld in die Kassen der Tierheime bringt, mehr, als es kostet, viele Tierheime erhalten öffentliche Gelder abhängig von der Anzahl von Tieren. Unterstützung auch finanzieller Art in einem anderen Land zu fördern, kostet nur, bringt aber hier keinen “Gewinn”. Dieses System begünstigt nicht, dass den Tieren IN ihrem Heimatland geholfen wird.

    Bitte, das soll nicht die Arbeit vieler vernünftiger Tierschützer in Frage stellen, die einen hohen Anteil ihrer privaten Einkünfte in die Versorgung und Vermittlung von Tieren investieren! Und natürlich handeln nicht alle Tierheime eigennützig! Tatsache ist jedoch, dass sich Tierschutz in den letzten Jahren zu einem gewaltigen Geschäft entwickelt hat, und dass wirklich nicht immer zum Vorteil der Tiere. Dies ist einer der Gründe, warum sich viele aufrichtige Menschen vom “offiziellen” Tierschutz abwenden und stattdessen in ihrem eigenen Rahmen tätig werden. Eine Folge der “schwarzen Schafe” im Tierschutz.

    Dass bis zu einer umfassenderen Lösung im Heimatland möglichst viele dieser Tiere, die nicht im Land selbst einen Platz finden, hierher vermittelt werden sollten, ehe sie getötet werden, ist selbstverständlich.

    Von den freilebenden Tieren jedoch kann ich nach meinen Erfahrungen in Griechenland jedenfalls wirklich sagen, dass es den meisten gut geht – jedenfalls im weiteren Umkreis von dem Ort, an dem ich lebte, und ich wäre niemals auf die Idee gekommen, ihnen ihr freies Leben zu nehmen und sie “zwangszubeglücken”, in dem ich ihnen einen Platz in Deutschland vermittelt hätte. Ich würde mir wünschen, dass es sehr individuell gehandhabt und sehr gut überdacht wird, ob das jeweilige Tier für ein Leben in Mitteleuropa geeignet ist, ob es selbst dies möchte.

    Was mit den Galgos in Spanien passiert, ist unbeschreiblich, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass
    diese Grausamkeiten eines Tages Geschichte sind. Auch solche Gewissenlosigkeiten müssen im Land selbst angegangen werden, und es tut sich vieles. Diese Galgos sind jedoch keine Streunertiere, sondern werden von “Jägern” wahllos gezüchtet, vermehrt, die “besten” unter ihnen dürfen leben, die überwiegende Anzahl der anderen wird eben “entsorgt”, wenn sie nicht vorher gerettet werden.

  7. karina sagt:

    Und nicht zuletzt habe ich selbst zwei griechische Straßenkinder. Auch wenn ihre Mutter sie bei mir in Griechenland geboren hatte und sie nicht auf der Straße groß wurden – alles in ihren Genen, ihren Köpfen, ihren Zellen ist Straßenhund.

    Daher weiss ich sehr gut ebenfalls aus eigener Erfahrung, wie schwer es oft ist, ihnen ein befriedigendes Leben hier in unserer Welt zu bieten. Viele Menschen machen sich das nicht klar, bevor sie einen Import-Hund zu sich nehmen, und nicht alle Vermittlungs-Organisationen interessieren sich genügend dafür, welches Leben die Tiere künftig führen werden.

    Es ist selbstverständlich, dass ich mit all diesen Ausführungen nicht das Engagement und die Liebe derjenigen kritisieren möchte, die wie du, Nathalie, Hunden, die es wirklich brauchten, ein Heim geben.

  8. Antira sagt:

    Danke Karina!
    Ich war über deine Sichtweise der Strassen/ Streunertiere begeistert, und mir ist erst jetzt klar geworden was wir hier eigentlich anrichten, und den Tieren ihre Freiheit nehmen. Ich habe einen Boxermix aus Boxer in Not genommen der mit seinen 5 Geschwistern als Baby in Ungarn seiner Mutter auf der Strasse weg genommen wurde.
    Er ist jetzt 5 Jahre und ich habe mich immer über seine Nervosität und steigende Aggressivität in der Stadt gewundert. Erst als wir nach unsere Pensionierung vor einem Jahr in unser Haus nach Ungarn gezogen sind, ist er wie ausgewechselt.
    Hier hat er seine Freiheit, die er in vollen Zügen genießt. Ich habe vor 2 Jahren von einer Ungarischen Streunerhündin die Überfahren wurde, ihre damals 3 Wochen alten Babys mit der Flasche aufgezogen. alle drei haben einen guten Platz und sind glückliche Hunde, einen davon habe ich selbst behalten. Ich denke in so einem Fall muß mann helfen. Aber so wie du sagst das Erwachsene Hunde die Wild leben eigentlich sehr gut alleine zurecht kommen, ich kann das hier in unserer Ortschaft auch beobachten, das es Streuner gibt die ihre Freiheit genießen. Ein schwarzer alter Kettenhund der sich regelmäßig von seiner Kettenverankerung befreit und dann mit einer 2m Kette durch die Ortschaft zieht, den ich schon 2mal die Kette abgeschnitten habe weil er sich damit im Gebüsch verhängt hat, er sich aber trotzdem anscheinend wieder von seinem Besitzer anhängen lässt. Ich bin gespannt was ich hier mit den Tieren noch alles erleben werde

    • karina sagt:

      Natürlich sollte man tätig werden, wenn eine Hündin überfahren wurde, die 3 Wochen alte Hundekinder
      zurücklässt. Sie wären vermutlich verhungert.

      Das sind Fälle, in denen es gar keine Frage ist, ob man Streunertieren helfen soll oder nicht.

      Und ich finde es sehr sinnvoll, Organisationen zu unterstützen, die im Land selbst Aufklärung betreiben,
      den Menschen einen achtsameren Umgang mit dem Lebewesen Tier vermitteln, Futterstellen einrichten und falls nötig, medizinisch versorgen.

      OHNE sie gleich alle in ein Leben pressen zu wollen, das sie gar nicht möchten.

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