Eines der “heissen Eisen”, die ich anpacken möchte.
Nicht alle Hunde im Süden müssen und vor allen Dingen wollen gerettet werden. Ich differenziere da durchaus, es gibt kein “Schwarz oder Weiss”, kein grundsätzliches “Retten” oder “Nicht-Retten”.
Ich weiss, dass es unpopulär und wenig geschäftstüchtig für eine Tierkommunikatorin ist, nicht in das “Tierschutz-Horn” zu diesem Thema mit einzustoßen, aber es sind mir dafür zu viele Fälle begegnet, bei denen die importierten Tiere hier nicht glücklich sind und nicht zurechtkommen. Lieber ihr Leben mit Risiken, aber in Freiheit weiter gelebt hätten. Tiere haben keine Angst vor dem Tod (nicht zu verwechseln mit Überlebensinstinkt natürlich!), und vielen ist ein kurzes Leben in Freiheit lieber als uralt zu werden als Couch-Potatoe. Ob sie 2 oder 5 oder 15 Jahre alt werden, ist aus ihrer Lebenssicht nicht so wichtig, das ist menschliches Denken, welches da oft auf sie projiziert wird. WIE das Leben ist, das hat oberste Priorität für sie, nicht wie LANGE es dauert.
Wie gesagt, es gibt Ausnahmefälle unter ihnen, jedoch die meisten, wenn sie nun mal als Straßentier geboren wurden, möchten aus diesem Leben das Beste machen und nicht eine andere Existenz aufgezwungen bekommen.
Die Erfahrungen meiner knapp 2 Jahre in Griechenland haben mich darin bestärkt. So viele lustige, lebensfrohe, eigenständige und selbstbestimmt lebende Streunerhunde. Sie sagen oft “füttere mich bitte”, sehr selten “rette mich” – es wird oft missverstanden. Viele haben dort “ihre” Menschen, “ihre” Tavernen, wo sie gefüttert wurden und auch durchaus Streicheleinheiten erhalten, falls sie es wünschen. Sie wissen aber, dass sie jederzeit wieder gehen können – und wiederkommen.
DAS muss meines Erachtens ein sinnvoller und vor allem achtsamer Tierschutz bewirken und fördern – zum Teil zusammen mit Sterilisation (Kastration bedingt manchmal andere Probleme, auch dieses heikle Thema wird hier noch angegangen) und nötiger medizinischer oder naturheilkundlicher Betreuung.
Die Berichterstattung seitens vieler Tierschutz-Organisationen ist oft sehr einseitig. Lediglich die Berichte über die böswilligen Menschen im Süden. Ich kenne sehr viele Griechen und Griechinnen, die ihre Tiere sehr lieben, alles für sie tun und sich um Straßentiere kümmern, durchaus auch mit ihnen zum Tierarzt gehen, einige behandeln Straßentiere gratis. Warum wird darüber nicht berichtet?
Wenn es bei uns streunende Hunde gäbe – nicht auszudenken, wie viele Menschen darauf reagieren würden. Ganz sicher nicht besser, als es in anderen Ländern der Fall ist. Es gibt hier, genau vor unserer Haustür, genügend Notwendigkeiten, Tierschutz zu praktizieren, leider werden davor oft die Augen verschlossen, weil es mehr kosten würde als einen Mausklick oder eine Geldspende, ganz konkret tätig zu werden. Es könnte unangenehm werden oder Ärger verursachen. Daher ist es nicht fair, Menschen anderer Nationalitäten zu be- und verurteilen.
Wir Menschen dürfen diese frei, halbwild geborenen Tiere nicht entmündigen (so sehr unterscheiden sie sich nicht von Wildtieren, und diese werden nicht eingefangen und “zwangsbeglückt” mit dem Argument, dass ihnen so nichts passieren kann), sie möchten ihre Selbstbestimmtheit behalten und eigene Entscheidungen treffen. Sie sind durchaus in der Lage, selbstverantwortlich zu handeln – dieser Aspekt des Tierschutzes wird meines Erachtens viel zu wenig berücksichtigt, und dieser Respekt, diese Achtung gebührt den Streunern. Ich habe Hochachtung vor ihnen. Sehr viele Menschen träumen von einem “Leben in Freiheit” – die damit verbundenen Risiken gehen sie nicht ein. Diese Tiere schon. Ihnen das bewusste Handeln abzusprechen und ihre Entscheidung für dieses Leben, wäre bevormundend. Diejenigen, die wirklich ein Leben mit Einschränkungen, aber den Vorteilen eines “Haushundes” führen wollen, signalisieren das sehr deutlich, es sind gar nicht sehr viele. Wie erwähnt, bitte nicht mit den Anfragen nach Futter verwechseln …
Natürlich weiss ich, dass es Streunertiere gibt, die sich für ein Leben als Haustier entscheiden, mit eingeschränkter Freiheit, dafür ein Dach über dem Kopf und gesichertes Futter. Das sind weit weniger, als die effektheischenden und teilweise erfundenen Geschichten in den unzähligen Rundmails glauben machen wollen. Die überwiegende Zahl dieser Tiere, und gewiss die menschenscheuen unter ihnen, würden sich dagegen entscheiden, WENN sie gefragt würden. Viele sind allein schon durch den Prozess des Einfangens mit folgendem Eingesperrtsein und Transport traumatisiert, von den massiven Belastungen für Körper und Seele durch Kastration, Impfung, Wurmkur, alles “in einem Aufwasch”, ganz zu schweigen. Diejenigen der Streunertiere, die regelrecht Angst vor den Menschen haben, nie zu ihnen gingen, um sie anzubetteln, trifft dies sicher am meisten. Sie sind oft schwer gestört, wenn sie in unserer Zivilisation ankommen und das bleibt meistens so für den Rest ihres Lebens. Sie können in ihrer Welt, aus der sie wirklich höchst unsensibel herausgerissen wurden, sicher stressfreier existieren. Und doch erwarten viele Menschen, die gewiss nur das Beste für sie wollen, dass Liebe und Zuwendung all das ausgleicht – die Realität sieht oft anders aus. Manche erwarten gar Dankbarkeit – wofür??
Selbst die nicht menschenscheuen dieser Tiere bleiben frei geborene Streuner, und die meisten werden nicht “aus Dankbarkeit” das Herumstreunen und Jagen aufgeben.
Ich will und kann nicht grundsätzlich negieren, dass Dinge geschehen mit Tieren, die nun wirklich nicht gutzuheissen sind. Es ist kaum überprüfbar, welche dramatischen Rundmails der Wahrheit entsprechen und welche nicht, daher ist nach meiner Überzeugung ein Tätigwerden in Einzelfällen, die uns oft genug begegnen und die nachzuweisen sind, am sinnvollsten.
Es ist dieses Gefühl des “Gebrauchtwerdens”, das gutmeinende Menschen manchmal über das Ziel hinausschießen lässt. Von den unseriösen Organisationen, deren Zielsetzung dem Profit gilt, ganz zu schweigen. Unter diesen leiden die differenziert denkenden und handelnden Tierschützer.
Eine kleine Straßenhündin, die bei mir lebte (die freiheitsliebendste von allen, sie wollte nicht mal im Winter nachts ins Haus, hatte sich lieber draußen ein trockenes Plätzchen gesucht), wurde von “Tierschützern” einfach “einkassiert”. Sie war klein, jung, gesund – also schnell vermittelbar. Sie verschwand unauffindbar, als Tierschutz-Autos in der Umgebung gesehen wurden – obwohl sie ein Halsband trug, ein allgemein anerkanntes Zeichen dafür, dass sie einen Platz hat, an dem sich um sie gekümmert wird. Als “Zivilisationshund” ist sie mit Sicherheit nicht glücklich. So sind meine selbst erlebten Erfahrungen, und kaum jemand berichtete bisher von solchen Erlebnissen.
Günther Bloch hat dieses Thema sehr differenziert und meines Erachtens sehr vernünftig aufgegriffen in seinem Buch “Die Pizza-Hunde”.
Wir haben die Pflicht, unsere domestizierten Tiere, zu denen ich die halbwilden Straßentiere nicht zähle, durch unsere Zivilisation zu führen, natürlich – sie führen uns zu uns selbst. Manche dieser Straßentiere brauchen unsere Fürsorge, die meisten jedoch nicht unsere Wohnungen in Mitteleuropa.